{"id":10251,"date":"2022-12-08T09:00:39","date_gmt":"2022-12-08T08:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.aletheia-scimed.ch\/?p=10251"},"modified":"2022-12-22T17:01:52","modified_gmt":"2022-12-22T16:01:52","slug":"trauern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aletheia-scimed.ch\/de\/trauern\/","title":{"rendered":"Trauern"},"content":{"rendered":"<h2>Es gibt diese Geschichte vom Vater mit den zwei wilden Buben,<\/h2>\n<p>welche im Tram hemmungslos und laut auf den B\u00e4nken rumturnen, ohne dass sich der Vater darum k\u00fcmmert. Scheinbar teilnahmslos sitzt er da, bemerkt auch nicht den \u00c4rger und das Unverst\u00e4ndnis der anderen Fahrg\u00e4ste. Als es schliesslich einer Frau zu bunt wird und sie den Vater an seine Erziehungspflichten erinnert, sagt dieser zum Erstaunen aller Zuh\u00f6rer: \u201eJa, vermutlich m\u00fcsste ich nun etwas tun. Wir kommen gerade vom Spital, wo meine zwei Buben ihre Mutter an den Krebs verloren haben. Bitte entschuldigen Sie.\u201c<\/p>\n<p>Betretenes Schweigen, alle sind ber\u00fchrt, hilflos, ohnm\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Trauer kennen wir zwar alle, ihr in der \u00d6ffentlichkeit zu begegnen ist ungewohnt, macht zuerst einmal einfach sprachlos. Grunds\u00e4tzlich findet Trauer eher im Verborgenen statt und in den eigenen vier W\u00e4nden. Denn Trauern braucht Geborgenheit, Schutz, Raum und Intimit\u00e4t.<\/p>\n<h2>Wie spricht man jemanden an, der einen geliebten Menschen verloren hat?<\/h2>\n<p>Wer selber schon dem Tod in n\u00e4chster N\u00e4he begegnet ist, durch Verlust eines Angeh\u00f6rigen, eines Freundes, der Mutter, eines Kindes, des Partners etc. kann schon eher reagieren. Die beste Reaktion ist meist die nat\u00fcrliche Regung: Je nach N\u00e4he zum\/zur Trauernden ein mitf\u00fchlender Blick, ein liebes Wort, eine Ber\u00fchrung oder eine Umarmung. Und vielleicht, bei gegebener Zeit, der Hinweis auf eine Selbsthilfegruppe oder einen Ort, wo man Trauern kann und sich aufgehoben f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Das Verarbeiten und Annehmen eines Todes findet individuell und ohne Zeitdruck statt. Da gibt es keine allgemein g\u00fcltige Gebrauchsanweisung. Es tauchen Fragen auf, Erinnerungen schmerzen oder geben Halt, ein Leben ohne den geliebten Menschen muss erst noch erfunden, Gewohnheiten losgelassen, Neues entdeckt werden.<\/p>\n<h2>Bis das Leben wieder in geordneten Bahnen verl\u00e4uft, k\u00f6nnen Wochen vergehen, Monate, manchmal sogar Jahre.<\/h2>\n<p>F\u00fcr das Umfeld geht das Leben nach einem Todesfall meistens rasch \u00fcber in den gewohnten Alltag. F\u00fcr die direkt Betroffenen schmerzt und beeinflusst das unfassbare und endg\u00fcltige Wegfallen des geliebten Menschen noch lange sp\u00fcrbar, hakt sich fest, kommt immer wieder und steuert das gesamte Lebensgef\u00fchl. Und obwohl der Schmerz der Trauer von niemandem als mir selber ausgehalten und verarbeitet werden kann, gilt hier: Geteiltes Leid ist halbes Leid.<\/p>\n<p>Denn es tut gut, den Schmerz und die undefinierten Gef\u00fchle in Worte zu fassen, dar\u00fcber zu sprechen oder auch zu schreiben, sie in einem gesch\u00fctzten Raum stehen zu lassen. Manchmal gen\u00fcgt ein Blatt Papier, manchmal eine Gruppe Betroffener, ein offenes Ohr, ein lieber Mensch.<\/p>\n<p>Das Unausgesprochene lastet oft schwerer als die harte Realit\u00e4t selber. Undefinierte Gef\u00fchle, nicht geweinte Tr\u00e4nen und unterdr\u00fcckter Groll, die versteckte Wut im Bauch,\u00a0 offene Rechnungen&#8230; all dies kann sich ohne bewusstes Auseinandersetzen mit der Trauer nur schwer aufl\u00f6sen. Die Balance zu finden zwischen R\u00fcckzug und Vorw\u00e4rtsgehen wird zum t\u00e4glichen Brot. Es braucht beides, damit das Eine dem Andern nicht im Weg steht. Und diese Balance kann nur\u00a0 der\/die Trauernde selber finden. Ein Dr\u00e4ngen von Angeh\u00f6rigen bringt nicht viel, auch wenn es f\u00fcr diese schwer auszuhalten ist, wenn sie zusehen m\u00fcssen, wie gelitten und mit dem Leben ohne den geliebten Menschen gehadert wird.<\/p>\n<h2>Denn es g\u00e4be ja noch so viel Lohnendes zu entdecken.<\/h2>\n<p>Zugegeben, das Leben nach dem Tod eines nahestehenden geliebten Gegen\u00fcbers wird zwar anders, vor\u00fcbergehend \u00e4rmer oder k\u00e4lter, weniger bunt und m\u00f6glicherweise auch einsamer.<\/p>\n<p>Es erfordert viel Geduld, Verst\u00e4ndnis und Selbstannahme, auch Eigenliebe, um mit all den belastenden Gef\u00fchlen und Gem\u00fctszust\u00e4nden klarzukommen. Das Leben hat sich ver\u00e4ndert, schlechter muss es jedoch dadurch nicht sein. Denn schliesslich gibt es einen hoffnungsvollen Trost: Nichts bleibt, wie es ist! Es geht alles vor\u00fcber.<\/p>\n<p>Das Ausdr\u00fccken der Befindlichkeit, der achtsame Umgang mit den widerspr\u00fcchlichen Gef\u00fchlen und das Finden von passenden Worten hilft beim Prozess des Trauerns. Denn was fassbar wird, kann betrachtet, verinnerlicht und schliesslich losgelassen werden. \u00dcber die Akzeptanz des Unab\u00e4nderlichen kommt die Befreiung und das Weitergehen in Frieden, mit dem was ist. Trauern ist ein Prozess, der auch Sch\u00f6nes beinhaltet. Auf einmal sieht alles anders aus und ich habe die Chance, diesen neuen Blick zu nutzen. Begegnungen finden anders statt, neue Erkenntnisse werden gefunden, das Leben bekommt einen anderen Wert, die Tiefe in mir wird wachgek\u00fcsst.<\/p>\n<p>Denn letztlich dient die Trauer unserer Entwicklung, es ist ein Prozess der Reifung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt diese Geschichte vom Vater mit den zwei wilden Buben, welche im Tram hemmungslos und laut auf den B\u00e4nken rumturnen, ohne dass sich der Vater darum k\u00fcmmert. Scheinbar teilnahmslos sitzt er da, bemerkt auch nicht den \u00c4rger und das Unverst\u00e4ndnis der anderen Fahrg\u00e4ste. 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